Hanse Radweg

Antje nimmt Sie mit auf den Hanse-Radweg - Etappe 1 | Neuss - Wesel

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Das Gras ist saftig grün. Der Himmel strahlend blau. Und überall weiden Schafe. Wer auf dem Hanseradweg unterwegs ist, macht eine Europareise in Miniatur: Die vielen Deiche am Rheinufer erinnern an die Nordseeküste. Das niederrheinische Kalkar ist genauso charmant wie das elsässische Colmar und die lange Rheinpromenade in Emmerich lässt sofort an Italien denken.

Auf insgesamt 450 Kilometern verbindet der neue Hanseradweg den Niederrhein und die Niederlande. Auf deutscher Seite führt er durch die Hansestädte Neuss, Wesel, Kalkar und Emmerich, die einst für den europäischen Handel so bedeutsam waren wie Hamburg, Bremen und Lübeck. Der Fernradweg startet im Hafen von Neuss und endet an der langen Promenade in Emmerich. Der Rhein ist nie weit. Die Luft stets frisch und die Landschaft immer anders.

Hansestadt Neuss
Wer die Stadt von Süden aus betritt, setzt die Europareise fort – denn das Neusser Obertor ähnelt stark dem berühmten Holstentor in Lübeck. Ursprünglich führten Tore in alle Himmelsrichtungen und mächtige Mauern schützen die Neusser Bürger, aber nur das Obertor hat Kriege und Krisen überdauert. Das imposante Bauwerk stammt aus dem 13. Jahrhundert und überwachte den Handelsweg ins benachbarte Köln. In seinem Schatten kommt ein Gefühl für den Reichtum und die Bedeutung des mittelalterlichen Neuss auf.

Dass Neuss zum illustren Kreis der weltweit 194 Hansestädte zählt, ist selbst vielen in Nordrhein-Westfalen nicht bewusst. Und tatsächlich nimmt die Stadt am Rhein eine Sonderstellung ein: Wegen besonderer Tapferkeit hatte Kaiser Friedrich III. den Neussern im 15. Jahrhundert alle Privilegien der Hanse verliehen. Obwohl er die Mitgliedschaft im Städtebund nicht gewähren konnte, trieb Neuss dennoch regen Handel und auch heute noch sind viele Erinnerungen aus der Hansezeit in der Stadt zu sehen.

Neuss
Neuss

Hansebund der Neuzeit
In der Hansezeit handelte die Stadt genauso erfolgreich wie seine hanseatischen Nachbarn: Wein, Gewürze, Fisch und Molkereiprodukte gingen von Neuss in die Welt. 400 Jahre bestimmte die Hanse die wirtschaftlichen – und oft auch die politischen – Geschicke Europas. Bevor sie Ende des 17. Jahrhunderts an Bedeutung verlor. Doch 1980 erstand die Hanse wieder auf: Im niederländischen Zwolle trafen sich die historischen Handelsstädte und gründeten den Hansebund der Neuzeit – mit Neuss als Gründungsmitglied. Vom 26. bis 29. Mai 2022 wird die Stadt Neuss zum zweiten Mal den Internationalen Hansetag ausrichten – der 42. Hansetag ist der perfekte Anlass für einen Besuch.

Hanse-Schleife - etappe 1
Jede Hansestadt, die ich auf dieser Etappe besuche, hat ihre eigene Hanse-Schleife. Eine Radroute oder Schleife, die in einer Hansestadt beginnt und endet. Klicken Sie auf den Link für die Hanse-Schleife Neuss und Wesel.

Architektur und Natur
Als kriegswichtiger Standort wurde Neuss im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört. Wie schön die Stadt zur Zeit der Hanse war, zeigt heute noch eindrucksvoll „Em schwatte Päd“. 1603 im niederrheinischen Renaissance-Stil erbaut, ist es das älteste erhaltene Neusser Kaufmannshaus. In dem denkmalgeschützten Gebäude ist eine Gaststätte untergebracht, die als eine der ältesten am gesamten Niederrhein gilt. Und noch ein außergewöhnliches Gebäude ist aus Hansetagen erhalten: der Blutturm. Er trägt seinen Namen wegen der Grausamkeiten, die sich in ihm zugetragen haben. Hester Jones, eine kräuterkundige Frau und Hebamme, wurde der Hexerei bezichtigt und so lange unschuldig gefoltert, bis sie schließlich gestand. Dennoch gelang ihr die Flucht, allerdings nur für wenige Meter. Ein epileptischer Anfall streckte sie an der nächsten Straßenecke nieder und ihre Peiniger fingen sie wieder ein. Am Heiligabend des Jahres 1635 wurde Hester Jones zuerst enthauptet und dann verbrannt.

So tragisch die Geschichte ist, die bei Stadtführungen erzählt wird, nur wenige Meter vom Blutturm entfernt verflüchtigen sich alle düsteren Gedanken. Denn hier beginnt der Neusser Rosengarten. Blumenduft liegt in der Luft. Gänse schnattern und Erholungssuchende schlendern müßig durch den schönen Park, in dem gelbe Kletterrosen, rosa Strauchrosen und rote Edelrosen blühen.

Quirinusm
Quirinusm

Quirinus-Münster
Ein Besuch in Neuss wäre unvollkommen ohne einen Abstecher zum Münster der Stadt. Der imposante Kirchenbau stammt aus dem 13. Jahrhundert und ist das Wahrzeichen der Stadt. Wer vor dem Münster steht, sollte den Blick nach oben schweifen lassen: auf der barocken Kuppel thront der Heilige Quirinus – der Legende nach bezahlte der römische Tribun seinen Übertritt zum Christentum mit dem Leben.
Napoleons Nordkanal

Gleich hinter dem Neusser Stadtzentrum zeigt sich der Hanseradweg von seiner schönsten Seite: denn hier verläuft er entlang des Nordkanals. Hohe Bäume säumen den Radweg, vom Kanal steigt kühle Luft auf und dutzende Vögel zwitschern in den Ästen. Der Nordkanal wurde ursprünglich von Napoleon geplant und sollte den Rhein mit der Maas verbinden. Das ehrgeizige Projekt wurde zwar nie beendet, aber die Relikte können heute noch besichtigt werden. Das Teilstück des Fernradweges mutet märchenhaft an und geht nahtlos in die nächste Idylle über: das Naherholungsgebiet „Jröne Meerke“ liegt rund um einen türkis schimmernden Weiher. Dutzende Gänse grasen auf den Wiesen. Unter ihrem fröhlichen Geschnatter führt die Tour weiter nach Meerbusch.

Restaurant
Restaurant

Meerbuschs Millionäre
Der Schlenker durch Meerbusch ist ausgesprochen unterhaltsam, denn es geht durch Millionärsland. Meerbusch hat die größte Dichte an Ultrareichen in NRW. Auf 10.000 Einwohner kommen rund 15 Millionäre und der Rest nagt offenbar auch nicht am Hungertuch, denn ein Traumhaus reiht sich hier ans nächste. Futuristische, voll verglaste Villen und herrlich altertümlich anmutende Cottages – schwer zu entscheiden, in welches man am liebsten einziehen möchte. Doch das, was der Hanseradweg hinter Meerbusch bietet, lässt die Millionärsbehausungen verblassen: kilometerlang führt er unmittelbar an Deutschlands längstem Fluss entlang. Zigtausende Feldblumen wachsen auf den Rheinwiesen: weiße Margeriten, blaue Kornblumen und knallroter Mohn. Schwer vorstellbar, hier im bevölkerungsreichsten Bundesland zu sein. Die nächste Etappe ist dann Duisburg.

Übernachtungstipp am See
Genauso überraschend wie die idyllische Strecke ist der Eurohof in Duisburg: Er liegt mitten im Grünen, vor der Hoteltür gibt es einen kleinen See und hinter dem Haus gepflegte Gärten. In der Garage können Radfahrer ihre E-Bikes aufladen und sich im Biergarten für den nächsten Tag stärken. Vom Eurohof ist es nur einen Katzensprung zur Friedrich-Ebert-Brücke – über sie führt der Hanseradweg weiter nach Wesel. Hinter Duisburg ist alles eine Spur größer: mächtige Containerschiffe fahren auf dem Rhein und der Hanseradweg wird vorübergehend zur Fahrradautobahn. Auf ebenem Schotterboden und mit leichtem Rückenwind fließen die Rad-Kilometer weit schneller dahin als der Rhein.

Vor allem ist es aber der sehr aktive Geist, der die Hanse-Vergangenheit in Wesel lebendig hält

Wesel – Hansestadt an Rhein und Lippe
Doch wie stets wechselt die Landschaft bald wieder und es wird idyllisch: Freilaufende Schafe bevölkern die Deiche, blöken und schauen den Radfahrern nach. Ein Anblick, das sofort an Sylt denken lässt. Wer glaubt, damit bereits den landschaftlichen Höhepunkt des Hanseradweges erlebt zu haben, irrt. Denn kurz vor Wesel wartet die renaturierte Lippemündung auf die Radfahrer. 2014 wurde der Fluss umgeleitet und die Natur sich selbst überlassen. Seither hat sich bei Wesel eine Auenlandschaft entwickelt, wie sie in Deutschland kaum noch existiert. Innerhalb kürzester Zeit explodierte die Artenvielfalt: Fledermäuse, Fische, Vögel – Biologen haben zuletzt knapp 1.000 verschiedene Arten in dem Naturschutzgebiet festgestellt.

Von der Lippemündung führt der Hanseradweg direkt ins Stadtzentrum. Wesel hat im Zweiten Weltkrieg ein ganz ähnliches Schicksal wie Neuss erlitten. Die architektonische Schönheit fiel den Bomben zum Opfer und was in den Nachkriegsjahren eilig hochgezogen wurde, war primär funktional. Aber dennoch: einige besonders schöne Gebäude haben die Zeit überdauert und andere wurden originalgetreu wieder aufgebaut. Vor allem ist es aber der sehr aktive Geist, der die Hanse-Vergangenheit in Wesel lebendig hält. Die örtliche Hanse-Gilde bietet gleichermaßen unterhaltsame und informative Führungen an.

Wesel
Wesel

In Schönheit schwelgen
Schon im 12. Jahrhundert war Wesel neben Köln der wichtigste Handelsort in der gesamten Region und seit 1407 vollwertiges Mitglied der Hanse. Am Großen Markt der Stadt zeigt sich das eindrucksvoll: der Willibrordi Dom und die prächtige Rathausfassade vermitteln ein Gefühl für den Glanz der Hansezeit.

Das ursprüngliche Rathaus wurde 1455 im spätgotischen Stil erbaut und der Keller, wie damals durchaus üblich, als Metzgerei genutzt. Der weitgehend detailgetreue Wiederaufbau der spätgotischen Schmuckfassade kostete 3, 4 Millionen Euro. Doch wer sie betrachtet, kommt zum Schluss, dass das Geld gut investiert ist – so verspielt und überraschend ist der Anblick. Ein Großteil des Geldes stammt übrigens aus Spenden: Weseler Bürger und Menschen aus ganz Europa haben dafür zusammengelegt; den Rest steuerten die Stadt Wesel und das Land NRW bei.

Wer in Wesel unterwegs ist, sollte den Blick gelegentlich auch auf den Boden richten. Denn hier verläuft ein anthrazitfarbenes Band, das sich durch die gesamte Innenstadt zieht. Es listet die Namen sämtlicher Hanse-Städte auf: beginnend im baltischen Osten und endend im niederländischen Westen. Für viele wird es überraschend sein zu erfahren, wer alles zur Handelsgemeinschaft gehört.

Markt
Markt

Sternförmige Befestigungsanlage
Seinen Anfang nimmt das Hanseband an einem imposanten Bauwerk: dem Berliner Tor. Napoleon, der Alte Fritz und andere Größen sind hier schon durchgekommen und heute posieren auswärtige Gäste für ein schnelles Selfie vor der geschichtsträchtigen Kulisse. Vom selben Baumeister stammt auch die nahegelegene Zitadelle. Sie ist heute eine grüne Oase in der Stadt; ursprünglich war sie aber genau wie das Berliner Tor Bestandteil einer sternförmigen Befestigungsanlage, die Wesel umschloss. Noch überraschender als das Gebäude ist ein Froschkonzert, das Besucher an der Zitadelle begrüßt. Der Hanse-Rundgang durch Wesel endet stets hier, denn in den wuchtigen Mauern ist eine Gaststätte untergebracht, die die Mitglieder des örtlichen Hanse-Vereins nach historischen Vorlagen gestaltet haben. Große Gemälde hängen an den Wänden. Kerzen flackern auf den rustikalen Holztischen und für einen Moment kommt ein intensives Mittelalter-Gefühl auf.

Übernachtungstipp für Wesel
Vorne fließt der Rhein, hinten erstreckt sich der Auesee und seitlich liegt ein kleiner Tümpel. Das viele Wasser rund um das Welcome-Hotel in Wesel schafft eine nahezu maritime Atmosphäre. Dieser Eindruck wird durch ein im Mississippi-Stil erbautes Ausflugsboot verstärkt, das unmittelbar vor dem Hotel liegt. Die „River Lady“ können Hotelgäste von der Restaurantterrasse aus bewundern, genauso wie die Rheinbrücke von Wesel, die allabendlich in schillernden Blautönen erstrahlt. Ein rundum erholsamer Stopp auf dem Hanseradweg.

Und das habe ich auf dem Weg dorthin gefunden