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Das Jahr 1522 - Wesel

  • Erstellt von Joke Eikenaar
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Ties taten die Füße weh, aber er blieb trotzdem stehen. Wenn er jetzt aufgäbe, wäre das lange Warten umsonst gewesen. Hinter und neben ihm drängten und zerrten die Menschen. Alle wollten den Einzug von Herzog Johann III. von Kleve sehen, dem in Wesel als neuem Landesfürsten
gehuldigt werden sollte.

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Endlich ertönten die ersten Rufe. „Ich höre Hörner!“ „Da kommen sie!“ Aus Richtung Rees erschien eine bunte Prozession. An der Spitze gingen Hornisten und Soldaten, gefolgt von Patriziern und Magistraten. Dann, hoch zu Ross, der Herzog. Er nickte freundlich und winkte der jubelnden Menge zu. Seine Frau Maria ritt zu seiner Linken, zu seiner Rechten ein Mann, dessen kostbare Kleider in der Sonne funkelten. „Wer ist dieser Herr?“, fragte Ties seinen Nachbarn. „Das ist Heinrich Bars Olisleger. Der reichste Mann in Wesel. Er wohnt im herzoglichen Palast.“ „Zu welchem Adelsgeschlecht gehört er?“ „Zu keinem. Olisleger ging als junger Mann ins Ausland und verdiente als hanseatischer Kaufmann in Flandern und England viel Geld. Er kehrte steinreich nach Wesel zurück.“

Im Schritttempo ritt der Herzog vorbei. An seinem Pferd war ein langes Seil befestigt, an dem sich wohl fünfzig Personen festhielten und mitführen ließen. „Warum machen sie das?“, fragte Ties. „Das sind Bürger, die verbannt wurden. Sie haben bei Harssum, an der Stadtgrenze, auf den Herzog gewartet und ihn um Gnade gebeten. Die wird er ihnen später am Palast gewähren.“ „Hey, Herzog Johann!“, rief jemand aus dem Publikum, „Nehmt mich auch mit, ich bin euer Bruder!“ Die Schaulustigen brachen in Gelächter aus. „Wer ist das nicht?“, antwortete jemand. Es wurde noch lauter gelacht. „Dann nimm das Seil!“, rief ein anderer. „Ich will keine Gnade“, lautete die Antwort, „Ich will Geld! Ich bin sein Bruder!“

Ties sah seinen Nachbarn fragend an. „Das ist ein Scherz“, grinste dieser. „Herzog Johann II., der Vater dieses Herzogs, wird der Kindermacher genannt. Er hatte mehr als sechzig außereheliche Kinder.“ „Sechzig? Junge, Junge! Der Adel kann machen, was er will.“ „Nicht nur der Adel. Dieser Olisleger hat vor seiner Abreise ins Ausland jemanden im Zorn zu Tode geprügelt. Aber er kam stinkreich zurück und so wurde ihm alles vergeben. Wenn man Geld hat, kann man sich alles erlauben.“

Erstellt von Joke

Joke Eikenaar ist Illustratorin und Schriftstellerin und lebt in der Nähe von Zwolle. Geschichte ist ihre Leidenschaft. Besonders fasziniert ist sie von der Geschichte der niederländischen Länder. Für ihre historischen Romane und Geschichten recherchiert sie mit viel Liebe.