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Das Jahr 1514 - Hattem

  • Erstellt von Joke Eikenaar
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Mit einem großen Schritt kletterte Ties vom Schiffsdeck die Kaimauer hoch. „Willkommen im Herzogtum Geldern“, sagte der Schiffer, der sich noch an Bord der kleinen Schaluppe befand.

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Während er Ties seine Tasche und seine Laute reichte, schien er plötzlich verunsichert. „Geldern, ja… Vielleicht ist es auch das Herzogtum Burgund. Bei Hattem weiß man nie.“ Ties streckte sich, um seinen steifen Rücken zu lockern. Dabei schaute er in Richtung Stadt, die auf den ersten Blick recht bescheiden wirkte. Einzelne Dächer lugten hinter der einfachen Stadtmauer hervor. Außerdem sah er einen spitzen Kirchturm und am östlichen Stadtrand die Türme eines großen Schlosses. „Hattem ist also hart umkämpft, verstehe ich das richtig?“ „Mann, Mann, Mann. Ich komme selbst kaum hinterher. Scheinbar liegt Hatten strategisch gesehen sehr vorteilhaft: an der nördlichen Grenze und mit der IJssel direkt vor der Tür. Ich komme für den Handel in die Stadt, mich interessiert es nicht, wer das Sagen hat. Ich fülle meinen Kahn mit Hattemer Backsteinen – die sind auch in anderen Hansestädten sehr beliebt – und schon bin ich wieder weg. Ich muss nicht einmal durch das Stadttor gehen.“

Der Kapitän sah Ties zögern. „Hör zu. Die Stadt gehört entweder Karl von Geldern oder Karl dem Fünften. Wenn du also sagst, dass du für Karl bist, dann bist du auf der sicheren Seite.“ Der Mann lachte über seine eigenen Worte. „Ich scherze bloß. Im Moment gehört die Stadt zu Geldern. Möchtest du etwas Tolles erleben? Siehst du das große Schloss dort? Das ist die Dikke Tinne. An einem der Türme hängt ein eiserner Käfig, in dem der Edelmann Jan van Wassenaer gefangen gehalten wird. Er hängt dort seit fast zwei Jahren.“ „Was hat der arme Mann getan?“ „Er hat gegen den Herzog von Geldern gekämpft.“ Der Schiffer spuckte ins Hafenwasser. „Und er sieht aus wie ein Kinderschreck. Er hat eine lange Narbe auf der linken Wange, die von seinem Mund bis zum Ohr reicht. Ich schwör‘s dir!“ „Durch den Kampf?“ „Nein, er hatte sie schon davor. Die Narbe macht ihn zu einer eindrucksvollen Erscheinung. Der Käfig wird regelmäßig heruntergelassen, um Jan dem Volk vorzuführen. Er lockt mehr Publikum an als du mit deiner Laute!“ „Er hängt also in einem Käfig fest? Dann werde ich ihm ein Ständchen spielen. Ich liebe es, wenn mein Publikum nicht davonlaufen kann.“ Ties tippte auf seinen Filzhut und ließ den Schiffer lauthals lachend zurück.

Erstellt von Joke

Joke Eikenaar ist Illustratorin und Schriftstellerin und lebt in der Nähe von Zwolle. Geschichte ist ihre Leidenschaft. Besonders fasziniert ist sie von der Geschichte der niederländischen Länder. Für ihre historischen Romane und Geschichten recherchiert sie mit viel Liebe.